Andere reden, Jürgen Baumgarten (69) dagegen gilt als ein Mann der Tat. Der Hamburger Ölkaufmann (JB German Oil) fackelt nicht lange, als die Erstaufnahme-Stelle in Horst (MVP) „S.O.S.“ funkt: Für die vielen Asylsuchenden gibt es keine Wohnmöglichkeiten. Kurzerhand stellt Baumgarten Zimmer auf seinem Betriebsgelände in Wittenburg zu Verfügung.

Als der erste Bus mit knapp 40 Syrern eintrifft, packt Baumgarten und sein Team mit an. Betten, Matratzen, Wäsche – große Einquartierung.

In der Betriebskantine wird eine Pass-Stelle eingerichtet. Ausweise mit Fotos werden ausgehändigt, das erste „Taschengeld“ fließt – dann beziehen die Familien, allein reisende Kinder und Jugendliche ihre Quartiere. Mehr als einen Rucksack, eine Tasche, ein paar Plastiktüten haben sie nicht. Ungewohnter Luxus: Flachbild-TVs in allen Zimmern. Schnell finden sie den arabischen Nachrichten-Sender Al Jazeera.

Yamen (15) aus Damaskus kam über die klassische Route nach Deutschland: Über die Türkei, per Boot nach Kos, von dort weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich München. Yamen: „Für die einstündige Bootstour waren 1000 Euros fällig, ebenso das Taxi durch Ungarn bis nach Wien. Pro Person versteht sich.“ Das Geld hat nur für ihn und seinen Bruder gereicht. Goldgräber-Stimmung dagegen bei den Schleppern. Natürlich kennen Yamen und seine Freunde auch das grausige Foto vom ertrunkenen Aylan (3) am Strand. Hassan (23): „Traurig und bewegend. Aber es klingt vielleicht zynisch – nach Raketenbeschuss habe ich schon viel zu viele tote Kinder gesehen bei uns. Der Krieg dauert schon vier Jahre, und es wird immer schlimmer.“

Sie sind dem Grauen entkommen, haben nach fast vier Wochen Flucht das erste feste Dach für die nächsten Monate über dem Kopf.

Knapp 80 Flüchtlingen bietet Baumgarten jetzt eine Unterkunft – die nächsten 40 sind bereits avisiert: „Ein Wahnsinn, was diese Menschen durchgemacht haben. Es freut mich, dass ich unbürokratisch und spontan helfen kann.“

Wittenburgs Bürgermeisterin Frau Dr. Margret Seemann (SPD) war bereits zu Besuch. Ihr größtes Problem: Die vielen Kinder sind schulpflichtig, Schulplätze aber gibt es kaum. Der ehemalige Motorsportler Baumgarten gibt Gas: „Kein Problem, wir können hier unterrichten. Wir schaffen Platz für Unterrichtsräume.“ Ein Mann der Tat.